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Paul Jennerjahn. Foto: Veronika Klosa

20.10.2021

Junge Literatur im Alten Rathaus

Paul Jennerjahn liest am Mittwoch, den 10. November 2021, 19:00 Uhr, im Kirchhof-Saal

In unserer Lesereihe "Neue Literatur im alten Rathaus" wollen wir unter der Überschrift "Junge Literatur im alten Rathaus" Hamburger Nachwuchstalenten in unregelmäßigen Abständen eine Bühne bieten und ihnen die Gelegenheit geben, ihre Texte vor einem Publikum jenseits der eigenen Peergroup zu präsentieren. Wir wollen wissen, wie und worüber die jungen Leute schreiben. Welche Ausdrucksformen bevorzugen sie? Schreiben sie Prosatexte oder Gedichte? Loten sie die Möglichkeiten der Sprache in experimentellen Formaten aus, oder halten sie sich an literarische Konventionen? Wer sind ihre Vorbilder? Wovon leben sie? Sagen uns ihre Texte überhaupt etwas, oder ist die Kluft zwischen den Generationen zu groß?

In einem Vorgespräch, das an einem von ihnen gewählten Ort stattfindet, geben die jungen Autorinnen und Autoren Auskunft über sich selbst. Den Anfang macht am 10. November 2021, 19:00 Uhr, der 1993 in Hamburg geborene Paul Jennerjahn, mit dem sich Veronika Klosa, Sprecherin der Projektgruppe Salon, Anfang September in einem Café im Universitätsviertel traf. In dem Gespräch ging es u.a. um Reiseerfahrungen, die Bedeutung des Sports und literarische Vorlieben.

Paul, warum hast du das Café Leonar als Treffpunkt gewählt?
Ich kenne das "Leonar" seit meinem Studium und bin unheimlich gern dort, treffe Leute oder arbeite. Das "Leonar" hat ein wenig von dieser Kaffeehausatmosphäre, die mich an Wien erinnert, und mittlerweile habe ich auch meine eigene Geschichte mit diesem Ort, die im Klappern des Geschirrs und im Klingeln der Löffel mitschwingt. Generell schreibe ich gerne in Cafés, man fühlt sich nicht so einsam wie manchmal am Schreibtisch.

Du bist in Hamburg geboren und aufgewachsen, hast hier Abitur gemacht und studiert. Deine Texte – zumindest die, die ich kenne – klingen aber eher nach Frankreich.
Tatsächlich liebe ich Frankreich sehr, vor allem die Sprache. Die Worte verschmelzen im Französischen zu Musik. Wenn ich in Paris bin, setze ich mich manchmal ziellos in die Metro, nur um den Leuten beim Sprechen zuzuhören. Die Stadt selbst ist im Grunde ein Mythos, trägt so viel Geschichte in sich. Ich mag es, mich dort auf die Spuren von Rainer Maria Rilke zu begeben, den ich sehr verehre, von Friedrich Engels, über den ich ein Essay geschrieben habe, oder von all den US-amerikanischen Autor*innen, die ich liebe – von Faulkner, über Dos Passos bis hin zu Elizabeth Bishop. Paris ist aber auch, vielleicht noch mehr als andere europäische Großstädte, ein Spiegel der Verwerfungen des spätmodernen urbanen Lebens. Man gelangt so schnell in die Armut der Banlieues, und dann ist alle Leichtigkeit der Spaziergänge auf den Boulevards dahin, weil man sich immer nach dem eigenen Anteil an den problematischen Entwicklungen und krasser gesellschaftlicher Ungleichheit fragen muss.
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Welche Bedeutung hat das Reisen überhaupt für dich?
In der Erfahrung des Anderen, die man beim Reisen machen kann, relativiert sich vieles von dem, was in der eigenen Blase als normal gilt. Reisen ist Wahrnehmungsschule, kann es jedenfalls sein.

In welchen Ländern warst du? Welche wichtigen Eindrücke und Erkenntnisse hast du mitgenommen?
2015 bin ich längere Zeit durch Südostasien gereist. Ich war vor allem in Indien, aber am Ende der Reise auch in Bangkok, Shanghai und Peking. Gerade Indien war eine wahnsinnig intensive Erfahrung, das Leben ist dort ganz anders als in Deutschland – viel unbürokratischer, vom Postamt bis zum Verkehr organisiert sich das Leben dort scheinbar ohne Regeln, und das Faszinierende ist, dass es letzten Endes doch funktioniert. Enorm präsent ist die absolute Armut, in ländlichen Regionen wie auch in den Städten. Geprägt hat mich die Reise auch, weil ich in Jaipur sehr ernsthaft erkrankt bin. In der Zeit nach der Rückkehr, als ich mit den Folgen kämpfte, habe ich vieles in Frage gestellt und viel über mich gelernt. 2017 war ich im Rahmen eines Sportler*innen-Austauschs in Hamburgs Partnerstadt Chicago und konnte hautnah die hyperpolarisierte amerikanische Gesellschaft erleben, wenn im Vereinsheim vor dem Mittagessen Männer am Tresen vor ihren Pilstulpen saßen, die auf Trump anstießen und lautstark dessen rassistische Ausländerpolitik lobten.

Wenn man deinen Namen im Internet eingibt, stößt man sofort auf Bilder, die dich als Fußballschiedsrichter zeigen. Du hast immerhin Regionalliga gepfiffen! Wie passt das zum Klischee vom Schriftstellerdasein?
Ich habe schon früh angefangen, Fußball zu spielen, und tatsächlich waren die Schiedsrichter für mich so etwas wie "Helden der Kindheit". Als ich 14 Jahre alt war, hat unser Trainer dafür gesorgt, dass die ganze Mannschaft den Schiedsrichterschein machte. Ich war immer ehrgeizig, habe viel trainiert und habe durch den Sport gelernt, meinen Alltag zu strukturieren und mit Geduld und Ausdauer "dranzubleiben". Man darf sich nicht unterkriegen lassen. Das ist auch fürs Schreiben wichtig. Außerdem will ich den Kontakt zum wirklichen Leben behalten und nicht im intellektuellen Elfenbeinturm sitzen.

Wir sind sehr gespannt auf die Texte, in denen du deine Erfahrungen und Gedanken schöpferisch umgesetzt hast. Vielen Dank für das Gespräch!

Paul Jennerjahn liest am Mittwoch, den 10. November 2021, 19:00 Uhr, im Kirchhof-Saal.